Zusammenstehen im Exil

Veröffentlicht am 18.06.2013 in Veranstaltungen

Zeitzeugengespräch: Alt-OB Werner Ludwig spricht über "SPD im Dritten Reich"

"Nazis und Kommunisten haben meinen Vater niedergeschrien", erinnerte sich Dr. Werner Ludwig an eine Parlamentssitzung wenige Monate vor Hitlers Machtergreifung 1933. Als kleiner Bub von sechs Jahren sei er dann auf den Tisch gesprungen, habe die Glocke geläutet und für Ruhe gesorgt und nur noch verdutzte Gesichter gesehen. Das, so der langjährige Oberbürgermeister, sei mit die letzte Gelegenheit gewesen, bei der ein Sozialdemokrat sich noch habe durchsetzen können. Wenig später sei es dann ernst geworden, lebensbedrohlich für seinen Vater und tödlich für viele andere aufrechte Demokraten.

Als Zeitzeuge sprach Ludwig vor zahlreichen Zuhörern zum Thema "Die SPD im Dritten Reich", eine Veranstaltung zur Reihe "150 Jahre deutsche Sozialdemokratie". Seine persönlichen Erfahrungen machten die Zeit um 1933 und danach anschaulich. Im Nebenzimmer des Eisenbahner-Sportvereins war teilweise kaum ein Mucks zu hören.

Werner Ludwig entstammt einer Familie mit langer sozialdemokratischer Tradition. Sein Vater Adolf war unter anderem ehrenamtlicher Bürgermeister in Pirmasens. Als bayrischer Landtagsabgeordneter wagte er, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen. Das Parlament war bereits abgeriegelt und die Verhaftung sicher.
Flucht nach Südfrankreich

Dennoch gelang es der Familie, zunächst nach Metz und später nach Südfrankreich zu fliehen. Der Vater habe nie eine Arbeitserlaubnis bekommen und die Mutter die Familie als Putzfrau ernähren müssen. Dennoch habe man Flüchtlinge aufgenommen wie den Kommunisten Herbert Müller, einen Freund seines Vaters. Spuren der Misshandlung, die Müller im KZ erleiden musste, seien deutlich sichtbar gewesen. Anfangs habe man noch versucht, Widerstand zu organisieren - etwa über geschmuggelte Flugblätter. Doch die Gruppe sei bald aufgeflogen. Viele genutzt habe es ohnehin nicht.

"Die militärische Niederlage hat den demokratischen Neubeginn überhaupt erst ermöglicht", ergänzte Dr. Klaus-Jürgen Becker vom Stadtarchiv. Nur so habe man den "Führer-Mythos" überwinden können. So konzentrierte Adolf Ludwig sich mit anderen Exilanten bald auf die Vorbereitung des Wiederaufbaus. Zurückkehren durfte er freilich nicht sofort. Weil die Franzosen überlegten, die Pfalz zu annektieren, verweigerte man ihm einen Pass. Ein Freund in der französischen Verwaltung half: "Er ließ meinen Vater als ,unliebsamen Ausländer' abschieben", erzählte Ludwig mit einem Lächeln auf den Lippen. hbg

Aus: Mannheimer Morgen, Montag, 17.06.2013